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1. Leit­ge­dan­ken zum Kom­pe­ten­z­er­werb

1.1 Zen­tra­le Auf­ga­ben im Fach Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­leh­re

Der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt hat die Auf­ga­be, den Schü­le­rin­nen und Schü­lern einen Zu­gang zur Re­li­gi­on, zur jü­disch-christ­li­chen Tra­di­ti­on und ihrer alt­ka­tho­li­schen Deu­tung zu ver­schaf­fen.

Diese Auf­ga­be ge­schieht vor dem Hin­ter­grund einer zwei­fa­chen Her­aus­for­de­rung: zum einen vor dem Hin­ter­grund einer zu­neh­mend sä­ku­la­ri­sier­ten Le­bens­um­welt, die sich na­he­lie­gen­der­wei­se bis in die Schu­le er­streckt und die voll­stän­dig an­de­re Prio­ri­tä­ten setzt als re­li­giö­se. So­fern ein Ge­mein­de­be­zug und ‑rück­halt nicht vor­aus­ge­setzt wer­den kann, be­deu­tet das, dass die wich­tigs­ten Im­pul­se re­li­giö­ser Bil­dung zu Be­ginn der Se­kun­dar­stu­fe I haupt­säch­lich der Qua­li­tät des Grund­schul­un­ter­richts zu ver­dan­ken sein wer­den.

Die zwei­te Her­aus­for­de­rung be­steht darin, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler ent­wick­lungs­be­dingt ihren ei­ge­nen Le­bens­kon­text und ihr Ver­hält­nis zur Re­li­gi­on auch bei bes­ten Aus­gangs- und Rah­men­be­din­gun­gen erst all­mäh­lich be­wusst und dif­fe­ren­ziert wahr­neh­men kön­nen. Hier kann sie der Re­li­gi­ons­un­ter­richt her­aus­for­dern zu ler­nen, sich auch in Per­spek­ti­ven hin­ein­zu­ver­set­zen, die nicht ihre ei­ge­nen sind und die ihrem bis­he­ri­gen Ge­sichts- und Ge­dan­ken­kreis viel­leicht sogar ent­ge­gen­ste­hen. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen dann ler­nen, ihre bis­he­ri­gen Vor­stel­lun­gen, Denk- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten zu über­den­ken, dif­fe­ren­zier­ter und kom­pe­ten­ter zu ur­tei­len, ihren bis­he­ri­gen Ho­ri­zont per­ma­nent zu er­wei­tern und zu ord­nen, wäh­rend sie neue Vor­stel­lun­gen in bil­den­der Ab­sicht in ihren Ge­dan­ken­kreis in­te­grie­ren.

Damit liegt das Haupt­au­gen­merk des Un­ter­richts nicht ein­fach in der Ver­mitt­lung eines Fa­ches, son­dern in der Er­öff­nung und Er­wei­te­rung des Zu­gangs der Schü­le­rin­nen und Schü­ler zum Fach be­zie­hungs­wei­se zur Sache. In die­sem Bild wird zu­gleich die päd­ago­gi­sche Seite mit der fach­li­chen und fach­di­dak­ti­schen Seite des Re­li­gi­ons­un­ter­richts ver­knüpft.

Re­li­giö­ser Bil­dung kommt vor die­sem Hin­ter­grund eine wich­ti­ge kri­ti­sche Funk­ti­on als Bei­trag zu einer Hu­ma­ni­sie­rung von In­di­vi­du­um und Ge­sell­schaft ins­ge­samt zu. Diese ba­siert auf der Tra­di­ti­on des pro­phe­ti­schen Ein­spruchs, auf den Vi­sio­nen der Reich-Got­tes-Bot­schaft vom wah­ren und er­füll­ten Leben und auf der Zu­sa­ge der Gott­eben­bild­lich­keit jedes Men­schen. An­ge­sichts der im christ­li­chen Men­schen­bild ver­an­ker­ten un­ver­füg­ba­ren Würde jedes Men­schen hin­ter­fragt der alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt Denk- und Hand­lungs­an­sät­ze, die diese Würde in Frage stel­len, weil sie zum Bei­spiel den Men­schen al­lein über seine Leis­tung de­fi­nie­ren. Kri­tisch be­fragt wer­den auch Er­schei­nungs­for­men miss­ver­stan­de­ner und miss­brauch­ter Re­li­gi­on.

Hier über­nimmt der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt wich­ti­ge Auf­klä­rungs­ar­beit. Er trägt dazu bei, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Laufe der Jahre eine „kon­flikt­fä­hi­ge Ich-Iden­ti­tät“ aus­bil­den, einen ei­ge­nen Stand­punkt ge­gen­über an­de­ren Men­schen und In­sti­tu­tio­nen be­grün­det ver­tre­ten kön­nen und be­reit wer­den, Ver­ant­wor­tung für sich und in der Ge­sell­schaft zu über­neh­men. In die­sem Sinn leis­tet der alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt sei­nen ei­ge­nen Bei­trag zur Um­set­zung der all­ge­mei­nen Leit­per­spek­ti­ven.

Bei­trag des Fa­ches zu den Leit­per­spek­ti­ven

In wel­cher Weise das Fach Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­leh­re einen Bei­trag zu den Leit­per­spek­ti­ven leis­tet, wird im Fol­gen­den dar­ge­stellt:

  • Bil­dung für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung (BNE)
    Im Alt­ka­tho­li­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt ler­nen die Schü­le­rin­nen und Schü­ler die Eine Welt in bi­bli­scher Per­spek­ti­ve als Got­tes Schöp­fung zu deu­ten, die dem Men­schen an­ver­traut ist und für die er ver­ant­wort­lich ist. Dies schließt – ins­be­son­de­re unter dem As­pekt der Ge­rech­tig­keit – eine Sen­si­bi­li­tät für nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten und ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be aller Men­schen ein.
  • Bil­dung für To­le­ranz und Ak­zep­tanz von Viel­falt (BTV)
    Alt­ka­tho­li­scher Re­li­gi­ons­un­ter­richt macht be­wusst, dass jedem Men­schen nach christ­li­cher Deu­tung seine un­an­tast­ba­re Würde von Gott ge­ge­ben ist. Dies for­dert die Wert­schät­zung eines jeden Men­schen, un­ab­hän­gig von sei­ner Her­kunft, se­xu­el­len Ori­en­tie­rung, Welt­an­schau­ung oder Re­li­gi­on und Le­bens­form.
  • Prä­ven­ti­on und Ge­sund­heits­för­de­rung (PG)
    Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler in ihrer Per­sön­lich­keit zu stär­ken ist ein zen­tra­les Ziel des Alt­ka­tho­li­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richts. Der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt un­ter­stützt sie in ihrer Sen­si­bi­li­tät für ihre kör­per­li­che, see­li­sche und geis­ti­ge Ge­sund­heit. Er er­mu­tigt sie im re­spekt­vol­len Um­gang mit die­sen Gaben zu einer ge­sun­den Le­bens­wei­se und hilft über die Stär­kung von Resi­li­enz­fak­to­ren, Le­bens­kri­sen zu be­wäl­ti­gen, aber auch sich mit Mög­lich­kei­ten ge­lin­gen­den Le­bens aus­ein­an­der­zu­set­zen.
  • Be­ruf­li­che Ori­en­tie­rung (BO)
    Auch der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt er­mu­tigt die Schü­le­rin­nen und Schü­ler dazu, ihre ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten und Be­ga­bun­gen zu ent­de­cken. Er bie­tet ihnen Ge­le­gen­hei­ten, den Ho­ri­zont für die Ge­stal­tung des ei­ge­nen Le­bens­we­ges zu er­wei­tern und be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven im Kon­text eines sinn­er­füll­ten Le­bens und damit auch jen­seits einer öko­no­mi­schen Eng­füh­rung in den Blick zu neh­men.
  • Me­di­en­bil­dung (MB)
    Der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt bie­tet Ge­le­gen­heit, sich in der heu­ti­gen Me­di­en­ge­sell­schaft zu ori­en­tie­ren, die Chan­cen und Ge­fähr­dun­gen zu er­ken­nen. Er sen­si­bi­li­siert für die Aus­wir­kun­gen der Me­di­en auf das ei­ge­ne Leben und weckt ein Be­wusst­sein für einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Um­gang mit ihnen.
  • Ver­brau­cher­bil­dung (VB)
    Der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt sen­si­bi­li­siert auf dem Hin­ter­grund der Schöp­fungs­theo­lo­gie und der Ka­tho­li­schen So­zi­al­leh­re für einen ver­ant­wort­li­chen Um­gang mit Res­sour­cen in der Einen Welt. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den die Schü­le­rin­nen und Schü­ler damit kon­fron­tiert, wel­che per­sön­li­chen und glo­ba­len Kon­se­quen­zen ihr Kon­sum­ver­hal­ten hat. Sie wer­den zu einem ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Le­bens­stil her­aus­ge­for­dert.

Ins­ge­samt er­mög­licht der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt Kin­dern und Ju­gend­li­chen, die Ver­gan­gen­heit und die ge­gen­wär­ti­ge kul­tu­rel­le Si­tua­ti­on zu ver­ste­hen und ge­won­ne­ne Er­kennt­nis­se in die Zu­kunfts­ge­stal­tung mit ein­zu­brin­gen. Dies gilt ins­be­son­de­re für den Dia­log der Kon­fes­sio­nen, Re­li­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen.

Damit ver­pflich­tet sich das Fach zur För­de­rung eines um­fas­sen­den und ganz­heit­li­chen Kom­pe­tenz­auf­baus der Schü­le­rin­nen und Schü­ler.

Rechts­grund­la­ge

Der Alt­ka­tho­li­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt ist nach GG Art. 7, Abs. 3 der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und nach Art. 18 der Ver­fas­sung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg or­dent­li­ches Lehr­fach, für das Staat und Kir­che ge­mein­sam Ver­ant­wor­tung tra­gen. Er wird gemäß dem Schul­ge­setz in Über­ein­stim­mung mit den Leh­ren und Grund­sät­zen der alt­ka­tho­li­schen Kir­che er­teilt (§ 96, Abs. 2 SchG).

1.2 Kom­pe­ten­zen

Die Kom­pe­ten­zen, die es auf diese Weise zu er­rei­chen gilt, wer­den zum einen als pro­zess­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen aus­ge­legt und auf den ge­sam­ten Fort­lauf des Re­li­gi­ons­un­ter­richts be­zo­gen, sie wer­den zum an­de­ren als in­halts­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen be­zo­gen auf die in­halt­li­che Seite des Re­li­gi­ons­un­ter­richts und dabei den ent­spre­chen­den Klas­sen zu­ge­ord­net.

Pro­zess­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen

Die pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen knüp­fen an die Vor­ga­ben der ka­tho­li­schen und evan­ge­li­schen Kir­chen sowie die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) an und glie­dern sich in fünf Kom­pe­tenz­be­rei­che:

  • Wahr­neh­men und Dar­stel­len: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen re­li­giö­se Phä­no­me­ne sowie re­li­giö­se und nicht­re­li­giö­se Fra­gen und deren un­ter­schied­li­che Ant­wor­ten in ihrem au­ßer­schu­li­schen und schu­li­schen Le­bens­um­feld in Ver­bin­dung mit ihren im Un­ter­richt er­wor­be­nen fach­spe­zi­fi­schen Zu­sam­men­hän­gen wahr­neh­men und be­schrei­ben.
  • Deu­ten: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen re­li­giö­se und ethi­sche Pro­blem- und Fra­ge­stel­lun­gen in kon­kre­ten Si­tua­tio­nen er­ken­nen, re­li­giö­se Aus­drucks­for­men, Sym­bo­le und Zeug­nis­se al­ters­ge­mäß ver­ste­hen und deu­ten.
  • Ur­tei­len: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen in re­li­giö­sen und ethi­schen Fra­ge­stel­lun­gen eine ei­ge­ne Po­si­ti­on be­zie­hen und diese unter Be­zug­nah­me auf ihr Fach­wis­sen be­grün­den.
  • Kom­mu­ni­zie­ren und Dia­log­fä­hig-Sein: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen auf der Grund­la­ge ihrer im Re­li­gi­ons­un­ter­richt ge­won­ne­nen Ein­sich­ten und Kom­pe­ten­zen sich mit sich selbst aus­ein­an­der­set­zen, sich auf die Ge­dan­ken, Ge­füh­le und Sicht- be­zie­hungs­wei­se Ver­hal­tens­wei­sen an­de­rer ein­las­sen, sich auch damit aus­ein­an­der­set­zen und sich dar­über kon­struk­tiv und in wech­sel­sei­ti­gem Re­spekt aus­tau­schen.
  • Ge­stal­ten und Han­deln: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve ihre Hand­lungs­mög­lich­kei­ten er­wei­tern und an For­men re­li­giö­ser Pra­xis re­flek­tiert teil­neh­men oder diese mit­ge­stal­ten.

Jeder die­ser fünf Kom­pe­tenz­be­rei­che ist in drei Teil­kom­pe­ten­zen kon­kre­ti­siert. Diese fünf Kom­pe­tenz­be­rei­che bauen nicht nur spi­ral­för­mig auf­ein­an­der auf, son­dern las­sen sich, sys­te­ma­tisch be­trach­tet und be­zo­gen auf den Un­ter­richt und die in­halts­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen, auf drei Be­rei­che be­zie­hungs­wei­se In­ter­es­sen zu­sam­men­fas­sen. Die ers­ten bei­den Be­rei­che be­zie­hen sich auf das Sub­jekt- oder Selbst­ver­hält­nis zum Ge­gen­stands­be­reich des Re­li­gi­ons­un­ter­richts und dabei auf das äs­the­ti­sche und her­me­neu­ti­sche In­ter­es­se der Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Der drit­te Be­reich be­zieht sich pri­mär auf das So­zi­al­ver­hält­nis zum Ge­gen­stands­be­reich des Re­li­gi­ons­un­ter­richts und damit auf das per­so­nal-prak­ti­sche In­ter­es­se.

Das heißt:

  • Wahr­neh­men und Dar­stel­len: Wahr­neh­men ist ein be­wuss­ter in­ne­rer Vor­gang, der der äu­ße­ren Sinne be­darf. Dar­stel­len setzt Wahr­neh­men vor­aus, zu­gleich kann aber auch das Wahr­ge­nom­me­ne nur in dem Grade be­wusst wer­den als ich es auch dar­stel­len kann: äs­the­ti­sches In­ter­es­se.
  • Deu­ten und Ur­tei­len: Jedes Deu­ten setzt ein Ur­tei­len vor­aus und um­ge­kehrt. Bei­des un­ter­schei­det sich vom blo­ßen Wahr­neh­men und Dar­stel­len durch eine tie­fe­re ko­gni­ti­ve Durch­drin­gung des Ge­gen­stands­be­reichs: her­me­neu­ti­sches In­ter­es­se. An­de­rer­seits: Auf dem Bil­dungs­gang über das Deu­ten und Ur­tei­len ver­än­dern sich auch die Vor­aus­set­zun­gen für das Wahr­neh­men und Dar­stel­len.
  • Kom­mu­ni­zie­ren, Dia­log­fä­hig-Sein, Ge­stal­ten und Han­deln: Auf die­ser Ebene kon­sti­tu­iert sich die so­zia­le Seite des Zu­gangs zum Ge­gen­stands­be­reich Re­li­gi­on. Die so­zia­le Seite ist zwar grund­sätz­lich auch un­mit­tel­bar an­schluss­fä­hig an die Wahr­neh­mungs- und Dar­stel­lungs­ebe­ne. Sie soll­te sich aber bes­ser erst an den je­weils höchst mög­li­chen Stand der Deute- und Ur­teils­fä­hig­keit an­schlie­ßen. Das heißt: Ein Mit­ein­an­der-Kom­mu­ni­zie­ren, Ge­stal­ten und Han­deln in Ver­bin­dung mit dem Ge­gen­stands­be­reich Re­li­gi­on soll­te eine je­weils ad­äqua­te re­li­giö­se Deute- und Ur­teils­kom­pe­tenz, aber auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst vor­aus­set­zen. In der Ver­bin­dung von allem kon­sti­tu­iert sich ein per­so­nal-prak­ti­sches In­ter­es­se.

Vom christ­li­chen Men­schen­bild her ist Bil­dung somit ein so­wohl in­di­vi­du­ell-ganz­heit­li­cher als auch so­zi­al-in­te­gra­ti­ver, letzt­lich in­klu­si­ver Vor­gang.

In­halts­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen

Die in­halts­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen be­schrei­ben die Fä­hig­kei­ten und Kennt­nis­se, die auf­bau­end er­wor­ben wer­den und nach­hal­tig zu si­chern sind, wenn die in den pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen for­mu­lier­ten in­ten­dier­ten Ziele er­reicht wer­den sol­len.

Der Bil­dungs­plan 2016 be­nennt schul­art­über­grei­fend für die in­halts­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen fol­gen­de Be­rei­che:

  • Mensch
  • Welt und Ver­ant­wor­tung
  • Bibel
  • Gott
  • Jesus Chris­tus
  • Kir­che
  • Re­li­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen

Durch die Glie­de­rung der in­halts­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen in­ner­halb der The­men­be­rei­che wird der Kom­pe­tenz­auf­bau ver­deut­licht. Es wird aus­ge­wie­sen, was die Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Ver­lauf der Schul­jah­re ler­nen, wie sie ihre Kennt­nis­se, ihre Wahr­neh­mungs‑, Re­fle­xi­ons- und Aus­drucks­fä­hig­keit sowie prak­ti­sche Ur­teils­fä­hig­keit er­wei­tern.

Die For­mu­lie­run­gen der in­halts­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen fol­gen in den ge­nann­ten sie­ben Be­rei­chen für alle Schul­ar­ten einer ein­heit­li­chen for­ma­len Struk­tur: Die Kom­pe­tenz­be­schrei­bung be­steht aus drei Sät­zen. Jeder Satz wird dar­un­ter in je­weils zwei Teil­kom­pe­ten­zen kon­kre­ti­siert. Alle Kom­pe­tenz­for­mu­lie­run­gen ent­hal­ten immer nur einen Ope­ra­tor, ver­bind­li­che In­hal­te, mit denen sich die Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus­ein­an­der­set­zen, sind ent­we­der di­rekt oder in Klam­mer be­nannt. Sind Hin­wei­se in Klam­mern mit „zum Bei­spiel“ ver­se­hen, so sind sie als Vor­schlag zu ver­ste­hen. Bei Tex­ten aus den Evan­ge­li­en kön­nen immer auch die syn­op­ti­schen Par­al­le­len ver­wen­det wer­den.

Dar­über hin­aus zeigt sich die gleich­zei­tig vor­ge­nom­me­ne Ver­zah­nung mit den pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen daran, dass jeder jener drei Sätze auf­ein­an­der auf­bau­end einer der drei Ebe­nen der pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen zu­ge­ord­net ist: Der erste Satz (Teil­kom­pe­ten­zen 1 + 2) ent­spricht der Wahr­neh­mungs- und Dar­stel­lungs­ebe­ne, der zwei­te Satz (Teil­kom­pe­ten­zen 3 + 4) ent­spricht der Deute- und Ur­teils­ebe­ne, der drit­te Satz (Teil­kom­pe­ten­zen 5 + 6) ent­spricht der Kom­mu­ni­ka­ti­ons‑, Ge­stal­tungs- und Hand­lungs­ebe­ne. Mit an­de­ren Wor­ten: In­halts­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen gehen auf einer ers­ten Ebene in der Regel von der le­bens­welt­li­chen Per­spek­ti­ve der Schü­le­rin­nen und Schü­ler und deren Er­fah­rungs­ho­ri­zont aus (Satz 1). Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler neh­men neben dem ei­ge­nen Leben Welt und Ge­sell­schaft in den Blick und bil­den die Fä­hig­keit aus, Phä­no­me­ne wahr­zu­neh­men und dar­zu­stel­len, die im Re­li­gi­ons­un­ter­richt dann re­li­gi­ös ge­deu­tet wer­den kön­nen. Der sich auf diese Weise ste­tig ver­än­dern­de Wahr­neh­mungs­ho­ri­zont soll­te, hier­an an­knüp­fend, in die wei­te­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den The­men­be­rei­chen mit­ge­nom­men wer­den.

Auf der zwei­ten Ebene (Satz 2) set­zen sich die Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit In­hal­ten und As­pek­ten der christ­li­chen Glau­bens­über­lie­fe­rung be­zie­hungs­wei­se an­de­rer Re­li­gio­nen (Be­reich 7) aus­ein­an­der. Auf die­ser Ebene er­wei­tert der Re­li­gi­ons­un­ter­richt den Ge­sichts- und Ge­dan­ken­kreis der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, er­mög­licht ein stets fort­schrei­ten­des Deu­ten und Ur­tei­len.

Die drit­te Ebene (Satz 3) schließ­lich nimmt in den Blick, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler – im schu­li­schen Kon­text – ler­nen, ei­ge­ne Ein­stel­lun­gen, Hal­tun­gen und Hand­lun­gen zu be­den­ken und in re­li­giö­sen und ethi­schen Fra­gen be­grün­det zu ur­tei­len. Sie ler­nen Per­spek­ti­ven für eine ver­ant­wor­te­te Le­bens- und Glau­bens­ge­stal­tung zu ent­wi­ckeln, re­li­gi­ös be­deut­sa­me Aus­drucks- und Ge­stal­tungs­for­men re­flek­tiert zu ver­wen­den. Sie be­geg­nen An­ge­hö­ri­gen an­de­rer Re­li­gio­nen wert­schät­zend und kön­nen mit ihnen über Re­li­gi­on ins Ge­spräch kom­men.

Das Gym­na­si­um geht im Un­ter­schied zur Ge­mein­schafts­schu­le nicht von un­ter­schied­li­chen Ni­veau­stu­fen aus, son­dern setzt für alle Gym­na­si­as­ten das Er­wei­ter­te Ni­veau (E) vor­aus.

Die Rich­tung der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ist vor allem durch den Bil­dungs­an­spruch be­stimmt. Das heißt, es geht weder um iso­lier­te Ein­zel­the­men noch um iso­lier­te Kom­pe­ten­zen. In Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­kre­ten Un­ter­richts­the­men wer­den in­halts­be­zo­ge­ne mit pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen ver­knüpft. Mehr oder we­ni­ger zu­fäl­li­ges Ein­zel­wis­sen soll er­wei­tert und struk­tu­riert, per­so­nal ver­ar­bei­tet und so schließ­lich über die Jahre auf dem Gym­na­si­um suk­zes­siv eine um­fas­sen­de und ver­tief­te re­li­giö­se Bil­dung er­mög­li­chen.

Jedes Thema mag eine be­son­de­re Af­fi­ni­tät zu einem oder auch zwei der sie­ben The­men­be­rei­che (Mensch, Welt und Ver­ant­wor­tung, Bibel, Gott, Jesus Chris­tus, Kir­che, Re­li­gio­nen) haben. Der ex­em­pla­ri­sche Cha­rak­ter eines The­mas würde sich vor allem da­durch aus­zeich­nen, mög­lichst viele The­men­be­rei­che an mög­lichst be­deut­sa­men Stel­len an­zu­spre­chen und auf diese Weise die ein­zel­nen Be­rei­che mit­ein­an­der zu ver­zah­nen. In­so­fern jedes ein­zel­ne Thema diese Dy­na­mik be­kom­men soll­te, er­hal­ten die Schü­le­rin­nen und Schü­ler die Chan­ce, aus un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven immer wie­der neu auf das Ganze des Fa­ches zu sehen. Da­durch las­sen sich ihre Vor­stel­lun­gen immer wie­der mit neuen As­pek­ten der­sel­ben The­men­be­rei­che ver­knüp­fen. Und das be­deu­tet vor­stel­lungs­psy­cho­lo­gisch, dass sich auch diese The­men­be­rei­che, die als sol­che ja bis zum Ab­itur durch­ge­hal­ten wer­den, im Laufe der Jahre immer kom­ple­xer mit­ein­an­der ver­knüp­fen.

Es geht also um Zu­sam­men­hän­ge in einem min­des­tens drei­fa­chen Sinne: Es geht ers­tens um Zu­sam­men­hän­ge des Fa­ches. Das heißt, es geht um in­halt­li­che Zu­sam­men­hän­ge der ein­zel­nen The­men­be­rei­che (siehe in­halts­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen). Es geht zwei­tens um die Zu­sam­men­hän­ge des Fa­ches mit dem ei­ge­nen Leben (siehe pro­zess­be­zo­ge­ne Kom­pe­ten­zen) und es geht drit­tens um die Zu­sam­men­hän­ge des Fa­ches mit den Frage- und The­men­stel­lun­gen der an­de­ren Fä­cher sowie mit den an­ge­ge­be­nen Leit­prin­zi­pi­en. Die ers­ten An­fän­ge der Grund­schul­zeit auch im Blick auf die Be­son­der­heit eines re­li­giö­sen, eines christ­lich-kon­fes­sio­nel­len be­zie­hungs­wei­se alt­ka­tho­li­schen Zu­gangs zur Welt wer­den nun auf der Se­kun­dar­stu­fe sys­te­ma­tisch wei­ter­ge­führt. Zu­sam­men­hän­ge, Dif­fe­ren­zie­run­gen und Ab­gren­zun­gen wer­den jetzt auch zu sä­ku­la­ren Le­bens­per­spek­ti­ven und Welt­an­schau­un­gen ge­sucht, was sich ins­be­son­de­re im sieb­ten The­men­be­reich zeigt, der nicht mehr „Re­li­gio­nen“, son­dern „Re­li­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen“ heißt.

Der struk­tu­rel­le Zu­sam­men­hang von in­halts- und pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen. (© Lan­des­in­sti­tut für Schul­ent­wick­lung)
Abbildung 1: Der strukturelle Zusammenhang von inhalts- und prozessbezogenen Kompetenzen; © Bolle

1.3 Di­dak­ti­sche Hin­wei­se

Ob aber sol­che Ver­knüp­fun­gen über­haupt her­ge­stellt wer­den kön­nen, liegt nicht al­lein an der in­halt­li­chen Seite des Re­li­gi­ons­un­ter­richts. Es liegt auch an den kon­kre­ten Vor­aus­set­zun­gen der kon­kre­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler sowie an der Vor­ge­schich­te und bil­dungs­theo­re­ti­schen Qua­li­tät des vor­aus­ge­gan­ge­nen Re­li­gi­ons­un­ter­richts be­zie­hungs­wei­se des Schul­un­ter­richts über­haupt. Und diese drei letz­ten Mo­men­te jen­seits der in­halt­li­chen Kon­zep­ti­on des Re­li­gi­ons­un­ter­richts kann nicht der Bil­dungs­plan, son­dern al­lein die Lehr­per­son vor Ort ad­äquat ein­schät­zen und be­ein­flus­sen.

Der Bil­dungs­plan kann hier­zu nur eine ent­spre­chen­de In­fra­struk­tur vor­schla­gen, die die an­ge­spro­che­ne viel­sei­ti­ge und um­fas­sen­de Ver­knüp­fung so­wohl auf der in­halt­li­chen als auch auf der per­so­na­len Ebene der Schü­le­rin­nen und Schü­ler be­güns­tigt.

Der Drei­schritt des Un­ter­richts­pro­zes­ses

Aus­gangs­punkt für den Drei­schritt der pro­zess­ori­en­tier­ten Kom­pe­ten­zen ist unter an­de­rem die in der ka­tho­li­schen Tra­di­ti­on ver­trau­te Trias: Sehen – Ur­tei­len – Han­deln.

Die Trias kon­sti­tu­iert zu­gleich eine Rei­hen­fol­ge. Denn sie un­ter­stellt, dass es nicht um die Eta­blie­rung von (un­mit­tel­bar ge­setz­ten) Vor­ur­tei­len gehen soll, son­dern dass Ur­tei­le einen Zu­gang zur Sache und ein Er­fas­sen der Sache vor­aus­set­zen. Dar­über hin­aus un­ter­stellt die be­sag­te Rei­hen­fol­ge, dass nicht grund­sätz­lich alles in Hand­lung ge­setzt wer­den soll, son­dern nur das, was zuvor ver­nunft­be­stimmt be­ur­teilt wor­den ist. Spä­tes­tens im Laufe der Se­kun­dar­stu­fe kann bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern eine voll­stän­di­ge Ent­wick­lung der Ur­teils­kraft vor­aus­ge­setzt wer­den. Das be­deu­tet aber kei­nes­wegs, dass diese des­halb schon das Han­deln be­stimmt. Daran zeigt sich, wie wich­tig es dem­ge­gen­über ist, dass der Un­ter­richt, na­ment­lich der Re­li­gi­ons­un­ter­richt, ge­ra­de den Zu­sam­men­hang der pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen wie auch aller an­de­ren Kom­pe­ten­zen un­ter­streicht, weil sonst weder Bil­dung noch Ko­hä­renz noch Nach­hal­tig­keit zu er­war­ten ist.

Mit an­de­ren Wor­ten: Der Bil­dungs­plan hat jene tra­di­tio­nel­le Trias im Rah­men der For­mu­lie­rung der pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen noch ein­mal sys­te­ma­tisch er­wei­tert. An die Stel­le des (äu­ße­ren) „Se­hens“ und der hier­mit ver­bun­de­nen (in­ne­ren) „Ein­sicht“ setzt der Bil­dungs­plan den Be­griff des „Wahr­neh­mens“. Mit dem Wahr­neh­men wird das äs­the­ti­sche In­ter­es­se (aísthe­sis, griech. = Wahr­neh­mung) der Schü­le­rin­nen und Schü­ler an­ge­spro­chen. Wahr­neh­men be­zieht sich nicht nur auf alle Sinne und deren äu­ße­re Wahr­neh­mun­gen, son­dern schließt hier auch die in­ne­re Wahr­neh­mung in ihrer viel­fäl­ti­gen Form mit ein. Sie um­fasst damit zu­gleich alle be­wuss­ten geis­tig-ko­gni­ti­ven und emo­tio­na­len (in­ne­ren) Vor­gän­ge.

Geht man also im Un­ter­richt vom Ge­sichts- und Ge­dan­ken­kreis der Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus, dann ist das erste an­zu­spre­chen­de In­ter­es­se durch die Be­grif­fe Wahr­neh­men und Dar­stel­len ge­kenn­zeich­net. Das heißt, die Mög­lich­keit, diese in­ne­ren und äu­ße­ren Vor­gän­ge wahr­zu­neh­men ist die Vor­aus­set­zung dafür, sie auch dar­stel­len zu kön­nen. Im Laufe der Zeit stei­gern sich die Mög­lich­kei­ten der Wahr­neh­mung und re­pro­du­zie­ren­den Dar­stel­lung. So müss­ten alle Er­run­gen­schaf­ten des vor­aus­ge­gan­ge­nen Un­ter­richts, auch der vor­aus­ge­gan­ge­nen Klas­sen, auf der Wahr­neh­mungs­ebe­ne re­pro­du­zier­bar sein.

Die Stei­ge­rung und Er­wei­te­rung der Mög­lich­kei­ten wahr­zu­neh­men, ge­schieht im und durch den Un­ter­richt zu­nächst ein­mal da­durch, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit der bi­blisch-christ­li­chen Tra­di­ti­on kon­fron­tiert wer­den. Dabei wird mit den pro­zess­be­zo­ge­nen Kom­pe­ten­zen des Deu­tens und Ur­tei­lens ihr her­me­neu­ti­sches In­ter­es­se an­ge­spro­chen.

Die Leit­fra­ge: Was hat das alles mit mir zu tun?, be­schreibt den Über­gang von der Ver­tie­fung zur Be­sin­nung sowie vom her­me­neu­ti­schen zum per­so­nal-prak­ti­schen In­ter­es­se. Die­ses äu­ßert sich im ge­ge­be­nen Fall unter an­de­rem in der Kul­ti­vie­rung einer Dia­log­fä­hig­keit mit der Be­reit­schaft, auch durch den Dia­log vom an­de­ren zu ler­nen, sich im Dia­log wei­ter­zu­bil­den. Wo es sich the­ma­tisch, in­sti­tu­tio­nell und per­so­nell an­bie­tet, er­mög­licht die drit­te Ebene unter dem Vor­be­halt eines be­son­ne­nen und so­zi­al­kom­pe­ten­ten Um­gangs ein ge­mein­sa­mes Ge­stal­ten und Han­deln. Hier­zu ist eine ent­spre­chen­de Be­reit­schaft der Schü­le­rin­nen und Schü­ler er­for­der­lich, die al­ler­dings noch we­ni­ger als bei den bei­den an­de­ren In­ter­es­sen durch den Un­ter­richt for­ciert wer­den kann.

Da hier der Be­griff so­zi­al-in­te­gra­tiv eine In­te­gra­ti­ons­leis­tung von allen Be­tei­lig­ten ein­for­dert, ist die sonst mög­li­che Dif­fe­renz von In­te­gra­ti­on und In­klu­si­on auf­ge­ho­ben.


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